Volksbank Bielefeld-Gütersloh eG: Anlegerforum 2016

Niedrigzins: „Alles wird auf den Kopf gestellt“

Bielefeld/Gütersloh, 18. März 2016. Es ist ein historisches Tief: In der vergangenen Woche hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf null Prozent gesenkt. „Für unsere Volkswirtschaft und für Sie ist das, was wir im Moment erleben, ein Desaster“, kritisierte Thomas Sterthoff, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Bielefeld-Gütersloh, diese Entwicklung während des „Volksbank-Anlegerforums 2016“ am Donnerstag. „Diese Politik stellt alles auf den Kopf, was wir bisher gelernt haben.“ Eine Konsequenz aus der Null-Zins-Politik: Anleger haben ein Problem. Daher rücken Aktien derzeit wieder stärker in den Fokus. Welche Chancen und Risiken konkret in diesem Bereich liegen, zeigten die Volksbank Bielefeld-Gütersloh und die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. (SdK) im Rahmen des Anlegerforums im Bielefelder Ringlokschuppen auf. Vor rund 200 Gästen gaben Vertreter von DZ BANK AG, Deutsche Post DHL Group und GERRY WEBER International AG Einblicke in den Markt.

Aus Sicht des Vorstandvorsitzenden Thomas Sterthoff liegt der Nutzen der EZB-Niedrigzinspolitik bei null. „Die Kanonen, mit denen die EZB schießt, treffen mittlerweile auch die Spatzen nicht mehr“, bemängelte er. Nicht nur Sparer und Anleger litten unter den niedrigen Zinsen – auch für die mittelständischen Banken sei das Festhalten der EZB am Niedrigzins fatal. „Diese Politik gefährdet unser mittelständisches System aus genossenschaftlichen Banken und Sparkassen, das 2009 mit ein Grund dafür gewesen ist, dass Deutschland die Finanzkrise besser als viele andere Staaten gemeistert hat“, mahnte Sterthoff. Durch die immer niedrigeren Zinsspannen werde es für Banken immer schwieriger, Gewinne zu erwirtschaften und rentabel zu bleiben. „Wenn wir diese Verhältnisse behalten, wird das Zinsergebnis der Banken in den nächsten fünf, sechs Jahren um 40 bis 45 Prozent geringer ausfallen als bisher“, warnte er. Immerhin habe die Politik der EZB eine positive Seite: „Die viele Liquidität, die sie in den Markt pumpt, muss angelegt werden. Da gehören Aktien zu einer ausgewogenen Vermögensstrukturierung auf jeden Fall dazu.“ Der Markt habe sich in den vergangenen Jahren stabilisiert, und die langfristige Tendenz sei – aller Volatilität zum Trotz – positiv.

Doch Anleger parken ihr Geld immer noch klassisch auf Tagesgeldkonten oder legen es in Betongold an, bedauerte in diesem Zusammenhang SdK-Vorstand Markus Neumann: „Das muss sich ändern.“ Er gab den Gästen deswegen zwei Botschaften mit auf den Weg: „Sie müssen Ihr Vermögen zwingend diversifizieren. Dazu gehören auch Aktien. Und Sie müssen sich informieren. Kaufen Sie nichts, was Sie nicht verstehen.“ Die SdK engagiert sich im Anlegerschutz und versteht sich als Interessenvertretung von Kapitalanlegern.

 

„Das Umfeld für Aktien ist gut“
Dass es wichtig sei, sich nach alternativen Anlageformen wie Aktien und hier besonders nach bewährten Dividendentiteln umzuschauen, fand auch Michael Kopmann, Leiter „Privatkundenstrategie Aktien und strukturierte Produkte“ der DZ BANK AG. Diese gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe. „Das Umfeld für Aktien ist gut – auch wenn es natürlich nicht durch unbedingte Planungssicherheit besticht“, sagte er. „Doch Zinsen, Öl und der Euro sind zurzeit billig.“ Der Jahresauftakt 2016 des DAX sei zwar der schlechteste seit dessen Einführung in 1988 gewesen. Gleichwohl habe der wichtige KGV-Wert – also das Verhältnis von Kurs und Gewinn der Aktien – in den vergangenen Jahren immer stabil bei rund 12,5 Prozent gelegen. Und nicht zuletzt fehle es aktuell an Alternativen. Kopmann: „Bei allen anderen Anlageformen ist es derzeit so gut wie ausgeschlossen, dass die Rendite steigen wird. Bei Aktien ist es wenigstens möglich.“

Anleger benötigten jedoch einen langen Atem, um kurzzeitige Schwankungen auszuhalten. Wer das tut, werde oft belohnt: „Im langfristigen Schnitt steigen die Kurse ebenso wie die Gewinne der Unternehmen. Das durchschnittliche DAXUnternehmen legte seit 1988 um gut acht Prozent pro Jahr zu“, so Kopmann weiter.
Was die Diversifikation angeht, so sollten Anleger derzeit Papiere von Unternehmen aus Deutschland und Europa gegenüber solchen aus den USA bevorzugen. Der Euro Stoxx 50 könne sich gegenüber dem DAX zudem als sicherere Variante erweisen.

Betrachteten die Banker die Aktienunternehmen beim Anlegerforum von außen, lieferten zwei weitere Referenten am Donnerstagabend die Innensicht: Claudia Kellert, Leiterin Investor Relations bei GERRY WEBER, stellte das Programm zur Neuausrichtung vor, das der Vorstand des ostwestfälischen Modekonzerns jüngst angekündigt hatte. „FIT4GROWTH“ lautet der Name. Es soll die Unternehmensgruppe wieder auf Kurs bringen, nachdem Umsätze und Profitabilität des GERRY WEBER Core Bereiches (ohne HALLHUBER) eigenen Angaben zufolge wegen des anhaltend schwierigen Marktumfelds sowie interner Fehlentwicklungen der Vergangenheit gelitten hatten. Das Programm umfasst dabei vier Bausteine: Strukturen und Prozesse sollen angepasst und die Marken modernisiert werden. Auch werden das Einzelhandelsgeschäft (Retail) optimiert und der Bereich Wholesale gestärkt. Wholesale steht für das Großhandelsgeschäft mit selbstständigen Einzelhändlern.

Dr. Tjark Schütte, Vice President Investor Relations bei Deutsche Post DHL Group, ging ebenfalls auf die Strategie seines Konzern ein. Dieser hatte in der vergangenen Woche die Bilanz fürs Geschäftsjahr 2015 vorgestellt. Das vierte Quartal 2015 war demnach das operativ stärkste in der Unternehmensgeschichte. Und auch auf 2016 blickt Dr. Schütte optimistisch. „2015 war ein Jahr des Überganges, und wir haben mit zwei Milliarden Euro viel investiert“, so Schütte. „Von daher sind wir sehr zuversichtlich, unser prognostiziertes Ergebnis für 2016 zu erreichen.“ Zudem plane die AG einen Aktienrückkauf. Voraussichtlich eine Milliarde Euro wolle Deutsche Post DHL Group dafür in die Hand nehmen.

 

Info:
Aktuelle Trends, Chancen und Risiken oder der Blick in die Zukunft: Mit ihrem Anlegerforum will die Volksbank Bielefeld-Gütersloh über aktuelle Entwicklungen am Anlagemarkt informieren und Privatanlegern neuen Input liefern. Die Veranstaltung richtet sich an Privat- und Firmenkunden der regionalen Genossenschaftsbank.

 

 

Bild: Diskutierten über EZB-Niedrigzins, Unternehmensstrategien und die Entwicklung des Aktienmarkts (v.l.): Volksbank-Vorstandsvorsitzender Thomas Sterthoff, Dr. Tjark Schütte, Claudia Kellert, Michael Kopmann und Markus Neumann