Ex-Google-Chef spricht bei Volksbank Bielefeld-Gütersloh

Lagebericht-Vorstellung: Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen

Bielefeld-Gütersloh. „Wir erreichen nun schon den dritten Stimmungsrekord hintereinander. Dies zeigt, dass die ostwestfälische Wirtschaft auf dem richtigen Weg ist“, so Vorstandsvorsitzender Thomas Sterthoff der Volksbank Bielefeld-Gütersloh. Die regionale Genossenschaftsbank präsentierte die Ergebnisse der diesjährigen Unternehmensbefragung vor rund 100 Vertretern der heimischen Wirtschaft. Neben den guten Einschätzungen und Prognosen war der Gastredner des Abends das Highlight: Der ehemalige Google-Deutschland-Chef Christian Baudis skizzierte seine Zukunftsvorstellungen von Deutschland im Jahr 2035.

„Die Volksbank Bielefeld-Gütersloh möchte Ihnen mit Veranstaltungsformaten wie diesem ein Netzwerk zum Austausch bieten“, begrüßte Sterthoff die Gäste in der Gütersloher Volksbank Zentrale. Firmenkundenleiter Ralf Reckmeyer konnte im Anschluss von neuen Rekordwerten in den Indizes berichten: Das Stimmungsbarometer – ein Mischwert aus wirtschaftlicher Entwicklung im ersten Halbjahr, Einschätzung der aktuellen Geschäftslage und Prognose für die zweite Jahreshälfte – stieg im Vergleich zum vergangenen Jahr um 0,9 Punkte auf nun 118,2 Punkte.

 

Deutschland 2035 – Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen
Nach den wirtschaftlichen Zahlen und Daten konnten sich die Gäste ein Bild von der „Digitalisierung der Gesellschaft und ihre Auswirkungen“ machen. So hat Christian Baudis, Digitalunternehmer, Futurist und ehemaliger Google-Deutschland-Chef seinen Vortrag auf der Unternehmerveranstaltung der Volksbank Bielefeld-Gütersloh betitelt. Baudis nahm die Zuhörer mit einem fundierten und unterhaltsamen Vortrag auf eine Reise durch die rasante Entwicklung der digitalen Welt mit.

Seit über 20 Jahren ist Christian Baudis in leitenden Positionen in der europäischen Digitalbranche tätig. Er gründete zwei europäische Start-Ups erfolgreich und leitete führende Internet- und Medienunternehmen (Google, AOL, ProSieben, Sat 1, HSE 24) in Europa als Vorstand, Geschäftsführer und Aufsichtsratsmitglied. Mehrfach wurde er zu den führenden Internet- und Medien-Managern Deutschlands gewählt. Heute berät Baudis internationale Investoren im Bereich digitaler Start-Ups und führt sein Unternehmen „My Digital“.

 

Datenschutz ein Generationsproblem
Baudis ging auf Aspekte wie der Sicherheit im Internet und was Suchmaschinen mit persönlichen Daten machen ein. „Viele von uns sind die „Übergangsgeneration“ – wir sind damit einfach nicht aufgewachsen“, so der Unternehmer und bezog sich damit auf den viel diskutierten Datenschutz, der laut Baudis eher ein Generationenproblem sei. Die junge Generation würde ganz anders darüber denken und entsprechend damit umgehen. Man wolle förmlich, dass die eigenen Daten für andere Nutzer der sozialen Medien zugänglich sind.

 

Asien Absatzmarkt der Zukunft
„Wir müssen Initiator sein – und nicht Verhinderer“, mahnte Baudis in Bezug auf die investitionsmutigeren Amerikaner und die technikaffinen Asiaten. „Wir dürfen da nicht das Nachsehen haben.“ Mit fast vier Milliarden Einwohnern sei Asien der Absatzmarkt der Zukunft. Durch die steigende Nachfrage verbillige sich die Produktion, so dass die „robotisierten“ Produkte anschließend erst Europa erreichen. In Deutschland würden Start-ups zu wenig gefördert, deshalb kämen erfolgreiche Innovationen aus den USA. Hier sei der Staat gefragt, denn erfolgreiche Start-ups schafften neue Arbeitsplätze - „viele alte werden wegfallen“.

 

Geschäftsmodelle verändern sich wesentlich schneller
Nach Baudis’ fester Überzeugung wird sich vor allem die Geschwindigkeit des Wandels verändern: „Alle Märkte werden sich drehen. Durch Digitalisierung verändern sich Geschäftsmodelle auf alle Fälle noch wesentlich schneller.“

Beispiel Automobilindustrie: Früher dauerte es gerne ein Jahr von der Bestellung bis zur Auslieferung, heute zwei Monate. „In zehn Jahren wird es so sein, dass ich morgens beim Händler anrufe und abends das Auto vor der Tür steht.“ Übertrieben? Baudis leitet seine Beschleunigungsthese ab vom Internethandel und dem enthaltenden Big Data. Seine Erkenntnis beruht auf eigener Erfahrung beim weltgrößten Onlinehändler. Innerhalb von Stunden lande Bestelltes nach dem Klick bei ihm zuhause. Die Erklärung: Der Onlinehändler sei perfekter Datensammler und wisse, was wer wann bestellen wird. Urlaube, Dienstreisen - alles werde berechnet, das Produkt entsprechend auf Abruf im Lager vorgehalten.

Weiteres Beispiel: Als Google vor ein paar Jahren seine Kameraautos jede Straße in Deutschland fotografieren ließ, gab es die Frage nach Datenschutz. Der Suchmaschinenriese, erklärt Baudis, habe damals vorbereitet, worum es heute gehe: Die Vermessungsdaten wurden gesammelt, um autonomes Fahren möglich zu machen. „Die Google-Autos werden keine Unfälle bauen“, behauptet der ehemalige Manager. Die Automobilhersteller müssten sich mehr mit dieser Entwicklung beschäftigen.

 

Beispiel aus dem Agrarbereich
Mit Blick auf die vielen Landwirte in Ostwestfalen stellte Baudis ein Projekt aus dem Agrarbereich vor. Ein innovativer Winzer aus Baden-Württemberg habe alle Rebstöcke mit Sensoren ausgestattet, die sofort melden, wenn beispielsweise die Pflanze von Rebläusen befallen ist oder der Wasserhaushalt nicht ausreicht. Eine speziell ausgestattetet Drohne komme zum Einsatz und besprühe zielgerichtet die betroffene Rebe. „Der Weinbauer der Zukunft ist somit ein Datenanalyst und Drohnenflieger“, so der ehemalige Google-Deutschland-Chef.

 

Haushaltsroboter werden kommen
Radikale Innovationen gibt es nach Darstellung des Referenten im Gesundheitsbereich. So werde ein Silikonpflaster auf den Markt kommen, das eine ganze Arztpraxis mit vielfältigen Diagnosemöglichkeiten in sich vereinige. Patienten erhalten dann über Sensorik ein Feedback zu ihrer körperlichen Verfassung. Das nächste große Endgerät werde ein Haushaltsroboter sein, der in Amerika schon angeboten werde und viele alltägliche Erledigungen im privaten Bereich ergänzt oder ersetzt. Baudis: „Das alles sind faszinierende Entwicklungen.“

 

Menschen werden Digitalexperten
In seinem Fazit sprach Baudis auch die Nachteile und Risiken des Ausbaus der künstlichen Intelligenz an, ist sich aber sicher, dass – neben gesetzlichen Regelungen – die Menschen alle zu „Digitalexperten“ werden und es so steuern, dass es wirtschaftlich und menschlich sinnvoll genutzt wird. Und noch eine Botschaft hatte er: „Unternehmen, ältere wie jüngere Menschen, alle sollten sich mit Digitalisierung beschäftigen, sich fortbilden und möglichst eng mit dem Thema anfreunden – um den Wandel zu verstehen und mitgestalten zu können.“

Baudis‘ Vortrag gab den anwesenden Unternehmern reichlich Impulse für Diskussionen und Austausch, die im Anschluss der Veranstaltung im schönen Ambiente der Volksbank-Zentrale noch ausgiebig genutzt wurden.

 

 

Bild: (v.li.) Thomas Sterthoff (Volksbank-Vorstandsvorsitzender), Christian Baudis (Digitalunternehmer) und Ralf Reckmeyer (Volksbank-Leiter Firmenkundenbetreuung) sprachen mit Unternehmern über Lagebericht und Digitalisierung.