„Bielefelder Oscar“ an Christian Petzold verliehen

Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreis an Regisseur aus Berlin

Die Gesellschaft zur Verleihung des Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreises hat ihre Auszeichnung 2017 an Christian Petzold verliehen. Der enommierte Film- und Fernsehregisseur nahm den Preis am 2. Juli entgegen.

Christian Petzold unterbrach Dreharbeiten in Marseille, um nach Bielefeld zu reisen und den „Bielefelder Oscar“ in Empfang zu nehmen. Der Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreis gedenkt des Stummfilmregisseurs Friedrich Wilhelm Murnau, der 1888 in der ostwestfälischen Stadt geboren wurde. Die Preisverleihung vor vollem Haus im Theater am Alten Markt stand unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters Pit Clausen. Der Preisträger trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein.

Christian Petzold, 1960 in Hilden geboren und aufgewachsen in Haan bei Düsseldorf, gilt als einer der eigenwilligsten Autorenfilmer und genießt weit über Deutschland hinaus hohes Renommee. 14 Filme – darunter sieben für das Fernsehen – und 21 Preise markieren ein Werk, das in vielen Gattungen zu Hause ist und nicht nur damit Petzolds filmischem Vorbild Friedrich Wilhelm Murnau nahekommt.

Petzold sagte über Murnau: „Er war ein großartiger Regisseur. Ich hätte es unheimlich gern erlebt, dass er auch einen Tonfilm gemacht hätte. Er hätte wahrscheinlich den Ton so großartig behandelt, wie er mit dem Bild umgegangen ist.“ Murnau war dies nicht vergönnt; er starb 1931 in Kalifornien bei einem Autounfall.

Oberbürgermeister Pit Clausen bezeichnete den Preis als den „Bielefelder Oscar“ und sagte zum Werk Murnaus und Petzolds: „Jede Zeit hat ihre Genies, außergewöhnliche Menschen, die uns großen Respekt abverlangen.“ Petzold gelinge es wie Murnau, die Seele der Menschen sichtbar zu machen. Eine solche Filmsprache sei universell, geeignet um Grenzen zwischen Menschen und Nationen abzubauen. „Das ist heute wichtiger denn je.“

Die Jury-Vorsitzende Christiane Heuwinkel begründete die Vergabe des 10. Bielefelder Filmpreises an Petzold mit dessen einzigartiger filmischer Handschrift. „Dies verbindet alle Preisträger mit Murnau.“ Die Wahl Petzolds sei „mehr als einstimmig“ gewesen. Der Laudator, Mit-Juror und Filmkritiker Daniel Kothenschulte stellte fest: „Du zeigst uns immer wieder, warum wir das Kino so lieben. Du bewahrst die Illusion so wie damals Murnau“.

Die Bielefelder Partner der Rechtsanwaltskanzlei Streitbörger Speckmann fördern den mit 10.000 Euro ausgestatteten Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreis zum vierten Mal, seit 2014 zusammen mit der Volksbank Bielefeld-Gütersloh eG. Deren Vorstandsvorsitzender Thomas Sterthoff begründete die Unterstützung damit, seine Genossenschaftsbank sehe die Region nicht nur als wirtschaftlich starken Standort, sondern auch als die Heimat eines ebenso wichtigen Kulturlebens. „Weil wir für Qualität stehen, fördern wir gern den anspruchsvollen Film im Andenken an eine große Bielefelder Persönlichkeit.“

Über den Preisträger
Nach einem Studium an der dffb, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin begann Petzolds Karriere 1995 mit dem Fernsehfilm Pilotinnen. Sein erster Kinofilm Die innere Sicherheit aus dem Jahr 2002 trug ihm den Preis der Deutschen Filmkritik ein. Dieser ursprünglich mit Gespenster betitelte Film wurde zum ersten Teil der als Gespenster-Trilogie bekannten Reihe, dem 2005 Gespenster und 2007 Yella folgten. Die Konstellationen der Figuren, die von „Gespenstern“ aus der Vergangenheit wie Schachfiguren geschoben werden, erinnern an Murnaus Materialisationen des Unbewussten in Filmen wie Nosferatu und Phantom.

Dass Petzold das „Gespenster“-Phänomen nicht loslässt, bezeugt sein 2014 gedrehter Film Phoenix mit Nina Hoss in der Hauptrolle als Wiedergängerin. Mit seinen filmischen Anleihen an Hitchcocks Vertigo – Aus dem Reich der Toten und Georges Franjus Le yeux sans visage zeigt sich Petzold als Bewunderer und Kenner der US-amerikanischen wie der europäischen Filmgeschichte. Phoenix war seine letzte gemeinsame Arbeit mit dem Regisseur und Autor Harun Farocki bis zu dessen plötzlichem Tod 2014. Mit ihm, seinem ehemaligen Lehrer an der dffb, hatte Petzold über 20 Jahre eng zusammengearbeitet.

Petzold verankert seine Untersuchungen der Psyche in den sich verändernden politischen Konstellationen Deutschlands, im Historischen und im Unbewussten. Als ebenbürtige schauspielerische Partnerin übernahm Nina Hoss in sechs Filmen die Hauptrolle.
„Nirgendwo bin ich zuhause“ schrieb der Namensgeber des Bielefelder Filmpreises Friedrich Wilhelm Murnau seiner Mutter in Deutschland aus der Südsee. Nicht mehr ankommen zu können ist auch Thema Petzolds in seinem Film Jerichow aus dem Jahr 2008, in dem ein aus Afghanistan heimkehrender Soldat seine Heimat als Fremde erfährt. Mit Barbara und Phoenix begibt sich Petzold in den Jahren 2012 und 2014 auf die Reise in die DDR- und Nazi-Vergangenheit. Statt glattpolierter Oberflächlichkeit geht es ihm immer um die intellektuelle Tiefenbohrung.

Der Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreis
Im Jahr 1988, zum hundertsten Geburtstag des in Bielefeld geborenen Filmregisseurs von Weltruf Friedrich Wilhelm Murnau, erstmals vergeben, ging der Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreis zunächst an Eric Rohmer, Wim Wenders, Henri Alekan, Herbert Achternbusch, Jacques Rivette und Werner Herzog. Nach einer Pause ermöglichten die Partner der Kanzlei Streitbörger Speckmann im Jahr 2010 einen Neustart. Erste, gemeinsame Träger des dann wieder vergebenen Preises waren die Kamerafrau und Filmemacherin Elfi Mikesch und der Film- und Opernregisseur Werner Schroeter. Im Jahr 2012 ging die Auszeichnung an den finnischen Regisseur Aki Kaurismäki, 2015 erhielt sie die belgische Filmemacherin Chantal Akerman.

Die vierköpfige Jury besteht aus dem Vorstandsmitglied der Friedrich Wilhelm Murnau-Gesellschaft Bielefeld und Leiterin Kommunikation des Kunstmuseums Wolfsburg Christiane Heuwinkel als Vorsitzende, dem Filmkritiker, Filmkurator und Stummfilmmusiker Daniel Kothenschulte, dem Filmemacher und Professor für Experimentellen Film an der Kunsthochschule für Medien Köln Matthias Müller und der Co-Direktorin des Berliner Arsenal Institut für Film- und Videokunst Stefanie Schulte Strathaus.

Bild: Übergabe des Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreises 2017 an Christian Petzold am 2. Juli 2017 im Theater am Alten Markt in Bielefeld. Von rechts nach links: Christian Petzold, Thomas Sterthoff, Christiane Heuwinkel, Dr. Jost Streitbörger, Oberbürgermeister Pit Clausen.