Lagebericht Mittelstand 2018: Stimmung steigt auf Rekordhoch

Arbeitskräftemangel, Bürokratie und Nachfolge fordern Betriebe heraus

Thomas Sterthoff (Vorstandsvorsitzender der Volksbank Bielefeld-Gütersloh) und Ralf Reckmeyer (Generalbevollmächtigter und Leiter Firmenkundenbetreuung) stellten die Ergebnisse des Lageberichts vor.

Bielefeld-Gütersloh. Die Stimmung der meisten mittelständischen Unternehmer/innen in Bielefeld und dem Kreis Gütersloh ist ausgesprochen gut. Das geht aus dem neuen „Lagebericht Mittelstand“ der Volksbank Bielefeld-Gütersloh hervor. 416 Unternehmen haben daran teilgenommen. Mit 118,6 Punkten erzielt das Stimmungsbarometer (*) sogar einen neuen Rekordwert (2017: 118,2 Punkte). Dienstleister sind besonders gut gelaunt (119,5 Punkte) und der Handel holt auf (116,6 Punkte; 2017:114,7 Punkte). Dennoch äußern sich 16 Prozent der Händler pessimistisch.

 

 

Deutlich wird auch: Der Arbeits- beziehungsweise Fachkräftemangel spitzt sich zu. Inzwischen zählen ihn 70 Prozent der befragten Betriebe zu ihren größten „Sorgenkindern“ (2017: 63 Prozent). Besonders stark betroffen: größere mittelständische Betriebe und der Bausektor. In diesem Zusammenhang sind auch steigende Personalkosten zu sehen.

Die brisanteste Verschärfung zeigt sich bei der Bürokratie: 64 Prozent der Unternehmen und damit 14 Prozent mehr als im Jahr 2017 kritisieren eine höhere Belastung. Zum Zeitpunkt der Befragung erhitzte vor allem die neuen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) die Gemüter. Viele Unternehmen wünschen sich Gesetzeserleichterungen und einen Abbau der Bürokratie, auch bei Steuern und Abgaben. Die Digitalisierung an sich sehen ebenfalls viele als Herausforderung.

 

Generationswechsel: Jeder Vierte muss binnen fünf Jahren Nachfolge regeln

Ein weiteres großes Thema in ostwestfälischen Unternehmen ist der Generationswechsel: In jedem vierten Betrieb (27 Prozent) soll in den nächsten fünf Jahren ein Nachfolger das Steuer übernehmen. Die Mehrzahl dieser Unternehmen hat den Übergang bereits geregelt (57 Prozent) oder zumindest mit der Nachfolgeplanung begonnen (33 Prozent). Dagegen steht jeder Zehnte noch ganz am Anfang seiner Überlegungen.

Entsprechend groß ist der Beratungsbedarf, wie auch die Volksbank Bielefeld-Gütersloh feststellt. Sie leistet Unterstützung auf zwei Wegen: Zum einen bringt sie mit der digitalen „Unternehmens- und Praxisbörse“ Inhaber von Praxen, Kanzleien, Apotheken oder Unternehmen mit interessierten Kandidaten zusammen. Zum anderen berät und begleitet ein speziell ausgebildetes Expertenteam aus Vorsorgeplanern/Estate Planner, Unternehmer dabei, wenn sie ihr „Lebenswerk“ in andere Hände geben.

Grundsätzlich sieht jeder zweite befragte Betrieb in der Region (54 Prozent) gute Chancen für einen erfolgreichen Generationswechsel an der Unternehmensspitze. Allerdings hält knapp ein Viertel (23 Prozent) der befragten Firmeninhaber die Chancen für „eher schlecht“ oder sogar „schlecht“, dass es zu einer erfolgreichen Nachfolgeregelung kommt.

Die Stärke des Wirtschaftsstandortes Ostwestfalen sorgt weiterhin für ein überaus optimistisches Geschäftsklima. Neun von zehn Betrieben bezeichnen ihre Geschäftslage als „gut“ (70 Prozent) oder sogar „sehr gut“ (19 Prozent). Der Blick in die Zukunft ist ebenfalls überwiegend optimistisch: Eine Mehrheit (53 Prozent) sieht ihre Lage bis zum Jahresende unverändert. Ein Drittel erwartet eine leichte Verbesserung und vier Prozent sogar eine starke Verbesserung. Acht Prozent rechnen mit einer Eintrübung der Lage (2017: sechs Prozent), was hauptsächlich mit einem starken Wettbewerbsdruck – vor allem durch Billiganbieter – und durch Umsatzrückgänge im Einzelhandel zugunsten der Online-Konkurrenz begründet wird. Nicht ein Unternehmen geht von einer starken Verschlechterung aus.

„Die überwiegend gute Stimmung ist vor dem Hintergrund der gesamtdeutschen Wirtschaft zu sehen“, erläutert Thomas Sterthoff, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Bielefeld-Gütersloh. „Dank starker Binnennachfrage und Exporten auf Rekordniveau ist die Wirtschaft seit dem Frühjahr 2017 noch einmal stark gewachsen. Davon profitieren natürlich auch die mittelständischen Unternehmen hier in der Region. Außerdem kurbeln niedrige Zinsen die Nachfrage zusätzlich an.“

Boom im Bau leicht gedämpft

Das zeigt sich vor allem im Baugewerbe. Dort spricht sogar ein Drittel der Befragten von einer „sehr guten“ Geschäftslage. Der Stimmungsindex in dieser Branche hat sich allerdings leicht abgeschwächt auf 117,9 Prozent (2017: 119,3 Prozent). Das Verarbeitende Gewerbe pendelt sich bei 118,4 Punkten ein (2017: 119,4 Prozent). Im Handel ist die Stimmung um 1,9 Punkte gestiegen. Allerdings spricht dort – auch angesichts der Online-Konkurrenz – nur knapp jeder Zehnte von einer „sehr guten“ Situation (neun Prozent; 2017: zehn Prozent).

„Die Auftragsbücher sind voll. Die Wirtschaft brummt und mit der Digitalisierung tun sich viele Chancen auf“, so Thomas Sterthoff. „Ein Großteil ‚unserer‘ befragten Unternehmen hat das längst erkannt. Zwei von drei Betrieben haben bereits in diesen Bereich investiert. Denn sie wissen: Die Digitalisierung verändert nicht nur einzelne Produkte, sondern ganze Geschäftsmodelle.“ Als Beispiel nannte der Vorstandsvorsitzende digitale Vertriebsplattformen: „Sie bieten viele Vorteile, etwa bei der Prozessabwicklung, und sparen Zeit. Allerdings werden sie deutschlandweit erst von 57 Prozent der Mittelständler eingesetzt. Wir selbst gehen gerade mit gutem Beispiel voran und haben einen digitalen Finanzberater an den Start gebracht.“

Investitionen hinken der Konjunktur hinterher

In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick auf die Investitionspläne der Mittelständler: Etwa jeder zweite Unternehmer will in den nächsten sechs Monaten investieren (55 Prozent). „Das sind Schritte in die richtige Richtung“, so Ralf Reckmeyer, Leiter Firmenkundenbetreuung der Volksbank Bielefeld-Gütersloh. „Allerdings hinken die Investitionen der Konjunktur hinter. Ein Drittel der befragten Unternehmer plant keine Investitionen. Wo investiert wird, liegt der Schwerpunkt auf neuen Anlagen, Gebäuden und der Digitalisierung im Zuge von Industrie 4.0.“

Grundsätzlich befindet sich die ostwestfälische Wirtschaft in einer sehr guten Position, wie Ralf Reckmeyer an einer soliden Kapitalausstattung ablesen kann. Die Eigenkapitalquote ist in den letzten zwölf Monaten in 64 Prozent der Betriebe stabil geblieben und in weiteren 29 Prozent gestiegen. Ein Drittel der Befragten (34 Prozent) plant in nächster Zeit eine Erhöhung der Eigenkapitalquote, sei es durch das Einbehalten von Gewinnen (96 Prozent), durch Beteiligungsgesellschaften (zwei Prozent), die Beteiligung von Wettbewerbern (zwei Prozent) oder von sonstigen Personen (fünf Prozent).

 

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(*) Das Stimmungsbarometer stellt einen Mischwert aus der wirtschaftlichen Entwicklung im ersten Halbjahr, der Einschätzung der aktuellen Geschäftslage und einer Prognose für die zweite Jahreshälfte dar. Erhoben wird es seit 1991 von der heutigen Volksbank Bielefeld-Gütersloh.

 

Bild: Thomas Sterthoff (Vorstandsvorsitzender der Volksbank Bielefeld-Gütersloh) und Ralf Reckmeyer (Generalbevollmächtigter und Leiter Firmenkundenbetreuung) stellten die Ergebnisse des Lageberichts vor.