11. Murnau Filmpreis geht an Lucrecia Martel

Volksbank ist Mitglied der verleihenden Gesellschaft

Lucrecia Martel wird mit dem Murnau Filmpreis ausgezeichnet.

Die Gesellschaft zur Verleihung des Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreises hat der argentinischen Filmregisseurin Lucrecia Martel den Preis 2019 zuerkannt. Lucrecia Martel wird die von der Jury einstimmig vergebene Auszeichnung am 29. September 2019 in Bielefeld entgegennehmen.

DIE PREISTRÄGERIN 2019: LUCRECIA MARTEL
Seit den späten 1980er-Jahren hat die Argentinierin Lucrecia Martel ein filmisches Werk zwischen narrativem Kurz- und Langfilm sowie Dokumentation und Musikvideo entwickelt, das von ebenso großer Vielfalt wie künstlerischer Konsequenz geprägt ist. Ihr jüngster Film Zama (2017) und die ihm vorangegangene Salta-Trilogie (2001 – 2008) haben sie als eine der weltweit am meisten gefeierten Filmemacherinnen etabliert.
Die Filme der 52-jährigen Regisseurin beschäftigen sich auf originäre Weise mit argentinischer Geschichte und Gesellschaft und zeigen zugleich Einflüsse des internationalen Kinos.

La mujer sin cabeza (Die Frau ohne Kopf, 2008) etwa ist ein Film, der an Luis Buñuel und Alfred Hitchcock erinnert. Mit ihrer Detailgenauigkeit und atmosphärischen Dichte erinnern Filme wie La Ciénaga (Der Morast, 2001), La niña santa (Das heilige Mädchen, 2004) und Zama (2017) an altmeisterliche Sittengemälde. Gleichzeitig verleiht die Experimentierfreude der Regisseurin den Filmen eine große, die Wahrnehmung schärfende Frische, die sie lange nachwirken lässt. Avancierte Bildkompositionen, in denen Figuren oftmals nur angeschnitten und fragmentiert sind, werden ergänzt durch eine im Vergleich zum internationalen Kino außergewöhnliche Tongestaltung, die Martel seit ihrem ersten Langfilm mit Guido Berenblum entwickelt hat. Es ist diese sinnlich nachvollziehbare Lust am Erweitern der formalen und erzählerischen Möglichkeiten des Mediums, die Lucrecia Martel mit dem Filmpionier und Namensgeber des Preises, Friedrich Wilhelm Murnau, teilt.

So reich Martels Werk an stellenweise sarkastischem Humor sein mag: Es ist ein beunruhigendes Kino der wachsenden Ungewissheiten. Die fixen Koordinaten der Wahrnehmung, vertraute Hierarchien, der Boden der Tatsachen: Sie geraten bei Lucrecia Martel ins Wanken. Verdrängtes bricht sich Bahn – in kleinen Gesten wie in halluzinatorischen Bewusstseinstrübungen. So führt auch die schwelende Identitätskrise Véronicas, der Frau ohne Kopf die Zuschauer*innen in einen Bereich dunkler Ahnung und wachsender Instabilität. Ahnungen; Verunsicherungen, Erschütterungen: Auch in dieser Qualität ist eine geistige Verwandtschaft zum Kino Friedrich Wilhelm Murnaus zu spüren.
Im Abstieg des Beamten Don Diego de Zama, auf einem Außenposten des spanischen Kolonialreichs von der Krone vergessen, spiegelt sich die Erfahrung sozialer Degradierung, Selbstentfremdung und psychischer Erschütterung, die Murnau in Der letzte Mann schilderte.

Das Werk von Lucrecia Martel genießt in den Kreisen von Filmkünstler*innen, Cinephilen und Festivals wie Cannes, Venedig, Berlin und Toronto große und wachsende Wertschätzung. So wurde Martel 2002 in die internationale Jury der 52. Filmfestspiele von Berlin berufen, 2006 in die Wettbewerbsjury des 59. Festival de Cannes, 2008 in die der Filmfestspiele von Venedig. Auf Einladung von Festivaldirektor Alberto Barbera, der Martel als „Lateinamerikas wichtigste Filmemacherin und eine der Top-Regisseurin weltweit“ bezeichnete, wird sie der Jury der diesjährigen 76. Filmfestspiele von Venedig vorstehen: einem Ereignis nur wenige Wochen vor der Bielefelder Murnau-Preisvergabe.

Martels jüngster Film Zama (2017) wurde von 164 internationalen Kritiker*innen und Kurator*innen für das British Film Institute zu einem der zehn besten Filme des Jahres gewählt. Die Academia de las Artes y Ciencias Cinematográficas de la Argentina nominierte Zama sowohl als argentinischen Beitrag für die Oscar-Kategorie „Bester fremdsprachiger Film” wie auch als „Bester iberoamerikanischer Film” bei den Goya Awards.
Auch die deutsche Filmkritik erkennt die so eigenwillige wie innovative Filmsprache der bedeutendsten Regisseurin des lateinamerikanischen Kinos. So schreibt Katja Nicodemus in Die Zeit: „Lucrecia Martel ist eine Königin. Das Reich ihrer Bilder ist so groß und so alt, dass es alle Vorstellungen sprengt. Es umfasst den lateinamerikanischen Kontinent, seine Kolonial- und Schuldgeschichte, seine Moderne und Gegenwart – und die von Martel gelassen betrachteten Erscheinungsformen menschlicher Dekadenz.“ (19.7.2018)

DER BILEFELDER FRIEDRICH WILHELM MURNAU FILMPREIS
Im Jahr 1988, zum 100. Geburtstag des in Bielefeld geborenen Filmregisseurs von Weltruf Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931), erstmals vergeben, ging der Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreis zunächst an Eric Rohmer, Wim Wenders, Henri Alekan, Herbert Achternbusch, Jacques Rivette und Werner Herzog.
Nach einer Pause ermöglichten die Bielefelder Partner der Kanzlei Streitbörger im Jahr 2010 einen Neustart. Erste, gemeinsame Träger des wieder vergebenen Preises waren die Kamerafrau und Filmemacherin Elfi Mikesch und der Film- und Opernregisseur Werner Schroeter. Im Jahr 2012 ging die Auszeichnung an den finnischen Regisseur Aki Kaurismäki, 2014 erhielt sie die belgische Filmemacherin Chantal Akerman. Zehnter Preisträger des Jahres 2017 war der Filmregisseur Christian Petzold.
Die Bielefelder Partner der Kanzlei Streitbörger fördern den mit 10.000 Euro ausgestatteten Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreis zum fünften Mal, seit 2014 zusammen mit der Volksbank Bielefeld-Gütersloh nach deren Beitritt zur verleihenden Gesellschaft.

Die Jury des Friedrich Wilhelm Murnau Preises besteht aus
Christiane Heuwinkel, Vorstandsmitglied der Friedrich Wilhelm Murnau Gesellschaft Bielefeld und Leiterin des Kunstforums Hermann Stenner als Juryvorsitzende,
Daniel Kothenschulte, Filmkritiker, Filmkurator und Stummfilmmusiker,
Matthias Müller, Filmemacher und Professor für Experimentellen Film an der Kunsthochschule für Medien Köln,
Christian Petzold, Filmregisseur und Träger des 10. Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreises sowie
Stefanie Schulte Strathaus, Co-Direktorin des Berliner Arsenal Institut für Film- und Videokunst.